Raum der Entscheidungsfreiheit

Viele Menschen klagen darüber, dass sie im Stress sind, weil sie so viel zu tun haben. Wenn wir aber genauer hinschauen, dann arbeiten wir heute weniger als noch vor fünfzig Jahren und die digitale Welt stellt jede Menge zeitersparende Tools zur Verfügung, die wir alle bereitwillig nutzen. Schon paradox oder? Denn das alleine müsste schon bei jedem von uns zu mehr “Frei-Zeit” führen und doch nimmt das “Stress-Erleben” zu.

Bei genauerem Hinsehen, zeigt sich aber, dass nicht nur äußere Faktoren (Termindruck, Digitalisierung, Komplexität etc.), sondern auch innere Faktoren (wie die Fähigkeit zur Selbststeuerung und -regulation) für das persönliche Erleben von Stress verantwortlich sind. Denn vieles spielt sich in unserem Leben hauptsächlich in unseren Köpfen ab, in der Erinnerung, der Vorstellung, der Interpretation und der Spekulation und äußert sich in den Ängsten, Phantasien und Befürchtungen jedes Einzelnen – nur die individuelle Schmerzgrenze variiert. Unsere Fähigkeit zur bewußten Selbststeuerung geht mehr und mehr verloren und ein automatisierte Reiz-Reaktionsverhalten bestimmt unser Handeln.

Das Problem daran ist, dass viele an dieser Stelle ein Ohnmachtsgefühl empfinden und sich scheinbar der Situation ausgeliefert fühlen, was dazu führt, dass sogenannte Stressautomatismen greifen, die den Trugschluss zur Folge haben, keine Entscheidungsfreiheit mehr zu besitzen. Reinhard Sprenger (Autor von “Die Entscheidung liegt bei Dir”) argumentiert hingegen, dass wir immer eine Wahl haben und damit immer eine Entscheidung treffen können. Selbst wenn wir nicht entscheiden, treffen wir eine Wahl.

Denn laut Victor E. Frankl (Neurologe) gibt es „zwischen Reiz und Reaktion … einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“

Auch wenn es zunächst philosophisch klingen mag, ist es doch interessant, dass ausgerechnet Google, Facebook und viele andere Silicon Valley Unternehmen, die mit ihren Erfindungen und Angeboten die Dynamik und Komplexität der Welt stetig vorantreiben, gezielt Angebote für ihre Mitarbeiter bereitstellen, diese Stressautomatismen bewusst zu unterbrechen. Fester Bestandteil ihrer Firmenkultur ist es nämlich Freiräume der Stille im Berufsalltag zu etablieren und zu fördern, u.a. mit kontemplativen Methoden wie bspw. Yoga, Meditation und Achtsamkeitstraining, um den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, inne zu halten und Entscheidungsfreiheit zurück zu erlangen.

Das kommt natürlich nicht von ungefähr, denn die Gründer und Entrepreneurs dieser neuen digitalen Welt “practice what they preach”. Viele klinken sich aus der von ihnen geschaffenen Welt bewußt regelmäßig aus, wie bswp. Kevin Kelly (Mitgründer des Wired Magazine), der 1-2 Tage die Woche einen digitalen Sabbat einlegt und komplett offline geht, um sein Denken zu zentrieren und den nötigen Sinn für Orientierung und Ausgewogenheit zu finden. Das ist nicht nur eine Frage der Kultur und eines anthroposophischen Menschenbildes, vielmehr haben diese Menschen verstanden, dass nur ein ruhiger Geist frei denken und kreativ sein kann –  die Initialzündung und unternehmerische Grundlage für echte Innovationen.

In einem Zeitalter der Beschleunigung ist nichts wichtiger als zu entschleunigen. In einem Zeitalter der Zerstreuung gibt es keinen größeren Luxus als Acht zu geben. In einem Zeitalter ständiger Bewegung gibt es nichts Wichtigeres als einfach einmal still sitzen zu lernen.

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